Der Anruf nach drei Wochen Nachdenken
Manchmal erkenne ich schon am ersten Satz, wie lange jemand mit sich gerungen hat.
„Ich habe Ihre Nummer schon eine Weile.“ Das höre ich oft.
Manchmal sind es ein paar Tage. Manchmal mehrere Monate, manchmal sogar noch länger. Bei dieser Klientin waren es drei Wochen.
Drei Wochen lang hatte sie überlegt, ob sie anrufen soll.
Als wir später darüber sprachen, erzählte sie mir, dass sie das Handy mehrmals in der Hand hatte. Sie wusste sogar, was sie sagen wollte. Trotzdem rief sie nicht an.
Allein ein Problem lösen kostet oft zu viel Kraft
Das überrascht mich nicht. Die meisten Menschen, die zu Clarity kommen, sind keine Menschen, die vorschnell handeln. Es sind Menschen, die Verantwortung übernehmen, sorgfältig nachdenken, sich erstmal selbst ein Bild verschaffen wollen. Es sind oft Menschen, die gelernt haben, dass sie am besten selbst eine Lösung für Ihr Problem finden. Das erzählt ihnen ihre Erfahrung. Und genau das wird manchmal zur Falle.
Sie erzählte mir von langen Spaziergängen und von Autofahrten, in denen sie dieselben Gedanken bewegte. Von schlaflosen Nächten, in denen der Kopf weiterarbeitete, obwohl der Tag längst vorbei war.
Sie suchte nach der richtigen Antwort auf die Frage „wie treffe ich eine andere Entscheidung?“ Damit versuchte sie ihr Problem auf den Punkt zu bringen. Der Anlass war ganz einfach. Eine Kollegin, von der sie sich übergangen fühlte und der sie sich sehr ausgeliefert fühlte, führte dazu, dass sie nur noch widerstrebend zur Arbeit ging. Das geht jedoch auf Dauer nicht gut. Und Grübeln brachte keine Lösung.
Dabei hatte sie längst verstanden, worum es ging. Sie kannte ihre Muster. Sie kannte ihre Geschichte. Sie kannte ihre Argumente und wie sie die Kollegin um ein Gespräch bitten würde, war ihr auch klar. Theoretisch.
Abstand zum eigenen Leben finden um sich selbst wieder zu spüren
Was ihr fehlte, war etwas anderes, nämlich Abstand und Ruhe, damit sie verstehen konnte, warum ein kleiner Konflikt im Büro ihr so Nahe ging.
Viele Menschen glauben, sie müssten erst alles verstanden haben, bevor sie Hilfe annehmen dürfen.
Meine Erfahrung ist eine andere. Oft melden sich Menschen genau dann, wenn sie merken, dass Verstehen allein nicht mehr weiterführt. Wenn sie spüren, dass sie sich seit Wochen oder Monaten um dieselbe Frage drehen.
Dann beginnt etwas Interessantes. Die Frage verändert sich.
Aus „Was soll ich tun?“ wird langsam „Warum drehe ich mich eigentlich im Kreis?“
Bei dieser Klientin kam der Wendepunkt an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag.
Sie saß mit einer Tasse Kaffee und bemerkte etwas, das sie vorher übersehen hatte. Sie war müde allerdings nicht körperlich, sondern in ihrem innern. Sie war müde vom Analysieren und vom Versuch, die perfekte Antwort zu finden.
Am nächsten Morgen rief sie an. Das erste Gespräch dauerte nur wenige Minuten. Wir lösten kein Problem und wir trafen keine große Entscheidung.
Nach und nach veränderte sich etwas. Ich konnte hören und vor allem in ihrem Gesicht, wie die Anspannung nachließ – dann verschwinden nämlich die Sorgenfalten.
Sie hatte auf einmal Raum zum Wahrnehmen ihrer eigenen Gefühle. Sie entwickelte ein Gespür für das, was unter all den Gedanken schon die ganze Zeit vorhanden war.
Finde den Moment, der offen ist für Veränderung
Viele Menschen glauben, Clarity beginne mit einer Methode. Meine Erfahrung ist eine andere. Clarity beginnt oft viel früher. Sie beginnt in dem Moment, in dem jemand erkennt, dass er nicht noch mehr nachdenken und lernen muss. Sie beginnt, wenn jemand bereit ist, ehrlich auf das zu schauen, was gerade wirklich da ist.
Und manchmal beginnt dieser Weg mit einem einzigen Anruf.
In den vergangenen Jahren habe ich viele Menschen kennengelernt, die sehr klug, reflektiert und verantwortungsvoll sind. Fast niemand ruft zu früh an. Die meisten rufen an, nachdem sie schon sehr lange versucht haben, allein eine Antwort zu finden. Genau deshalb beginnt unsere gemeinsame Arbeit oft nicht mit einer Lösung, sondern mit einer spürbaren Erleichterung. Endlich muss niemand mehr allein im eigenen Gedankenkarussell sitzen.
Wenn du das Gefühl hast, dich seit Wochen oder Monaten im Kreis zu drehen, dann musst du nicht noch länger allein darüber nachdenken.
Ein erstes Gespräch schafft oft mehr Klarheit als hundert weitere Runden im Gedankenkarussell.
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